to be the bumping bridge

Im Anflug auf mein zweites Ausbildungswochenende unter dem Motto „versöhnt mit der Vergangenheit“ hatte ich irgendwie das dringende Bedürfnis (und zugegebenermaßen zuuuuuufällig auch noch eine innereuropäische Freifahrt mit hart an der Grenze ihres Mindeshaltbarkeitsdatums zu nutzenden Bahn-Bonuspunkten), noch „mal eben schnell“ über Paris nach München zu fahren, um wie ich es vorgestern so schön formulierte, „ein paar lose Enden zusammen zu sammeln“.

Im Rahmen eben diese Ausbildung beschäftigen wir uns auch gerade mit Hegels Dialektik und stellen uns spannende Fragen über Thesen – Antithesen Synthesen. Die kleine Philosophin in mir schlägt begeistert Purzelbäume und fragt sich insgeheim, ob das verstaubte Nebenfach-in-Philosophie-Studium von 2005 am Ende doch noch für irgendwas gut war, aber die Theorie dazu würde ich jetzt vermutlich den Rahmen sprengen. Fokus auf Ergebnisse, Lena, Ergebnisse!

Also, nachdem wir uns in der Masterclass letzte Woche vor allem mit der dialektischen Auflösung von Drama beschäftigt haben und ich mich schon doch auch noch irgendwie auf frischer Tat ertappt hatte – nicht wolle ich’s wie ich’s wollte – habe ich mir heute früh zu allem Überfluss auch noch Gedanken darüber gemacht, in welchem Modus ich denn eigentlich bisher meine Paris-Aufenthalte so gestaltet habe … oder, wie wir im Contextuellen Coaching sagen würden, in welcher Absicht ich unterwegs war.

Wenn ich das so schreibe, klingt es selbst in meinen inneren Ohren, als hätte ich zwischendurch überhaupt keinen Spaß gehabt, aber wenn ich ganz ehrlich bin, war ich doch bisher am ehesten vor allem eins: Getrieben. Getrieben von der Beweisführung, dass ich frei und unabhängig sein kann. Getrieben von den selbst auferlegten 30-50 km, die ich täglich durch die Stadt laufen wollte, um auch ja nichts zu verpassen oder die Zeit nicht ausreichend zu nutzen. Getrieben von den romantischen Vorstellungen vergangener Erlebnisse, die ich mir Wochen bereits statt Vorfreude auf neue Erfahrungen angestaut hatte. Also Getriebenheit als These, eng verzahnt mit dem allgegenwärtigen mich-nicht-festlegen-Wollen. Denn was weiß ich denn schon, ob ich da vorne rechts oder links laufen soll? Ach, ich muss mich jetzt entscheiden? Na ja, dann lauf ich halt geradeaus. Wie? Ein fauler Kompromiss ist mit Synthese gar nicht gemeint? Shit.

Die/mit der Antithese habe/bin ich allerdings auch schon durch. Was passiert, wenn ich wie beim letzten Paris-Trip letzten Oktober versuche, all die lieb gewonnenen, aber wahnsinnig emotional aufgeladenen Erwartungen und grenzwertig zwanghafte Routinen in einem 3 Tage komplett durchstrukturierten Bootcamp zu rekreieren … (mir wird’s schon beim Schreiben und nochmal drüber nachdenken gerade anstrengend zumute) … ist vor allem die Erfahrung, dass ich immer noch wahnsinnig gut darin bin, mir Rechtfertigungen für dysfunktionale Gefühle zu erschaffen. Das kann ich schon lange gut, dafür brauche ich nicht noch mehr; erst recht nicht in meiner Lieblingsstadt.

Ahnst Du schon die Antithese? Statt getriebener pseudo-Spontanität als Ausdruck von hart zu erarbeitender Freiheit und Unabhängigkeit hatte ich mich abhängig gemacht von rigiden Zeitplänen und meinen eigenen Erwartungen, die – Wunder über Wunder – auch noch komplett unrealistisch waren. Tolle Wurst. Und nu?

Im dialektisch-philosophischen Alleingang beziehungsweise in enger Zusammenarbeit mit meiner lustigen MorningPages-Tradition hatte ich mir vorhin sowas wie „flexible Weite“ überlegt.
Nur um gerade auf meinem Spaziergang, die platt gelatschten Pfade auf meinem Lieblings-Richtung-City-Walk auf der Promenade Plantée, aus diese Hängebrücke zu stoßen. Meine kanadische Freundin nannte sie immer liebevoll die „bumping bridge“, weil jedes Mal, wenn einem engagierte Jogger entgegen kommen, das ganze Gestänge inklusive aller sich darauf befindlichen Menschlichkeit ins Wanken gerät. Wahrscheinlich passt sich auch die Brückenstatik einfach nur flexibel an die jenseits ihrer Einflusskraft von außen wirkende Bedingung an. Eigentlich ganz schön schlau, oder?

Ich glaube, ich möchte wie die Bumping Bridge sein. Wenigstens für heute, mal ausprobieren. Ich sag dann Bescheid, ob die Aussicht vom synthetischen Standpunkt aus glücklicher macht. Dabei stehe ich doch eigentlich mehr so auf 100% Baumwolle, aber schlechter Wortwitz nur am Rande …
Ob ich es am Ende doch wieder “nur“ ich selbst bin, die mich glücklich macht?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.